Rathenows historisches Zentrum entsteht neu

Der Kirchberg erhält sein Gesicht zurück

So mancher Besucher Rathenows wurde bereits überrascht, wenn er sich auf den Kirchberg begab: Es gibt doch noch historische Teile der Optikstadt! Die St.-Marien-Andreas-Kirche als ältestes erhaltenes Gebäude thront auf dem Berg umgeben von nunmehr liebevoll sanierten Häusern. So stellt man sich das Zentrum einer Stadt im Alter Rathenows vor.

Doch geht man ein paar Schritte, wird klar: Hier fehlt etwas. Die Bebauung ist Stückwerk, die zentrale Stellung der Kirche am Platz nicht mehr vollständig durch umliegende Gebäude hervorgehoben. Nun soll diese städtebauliche Lücke endlich im Sinne der Stadtplanung geschlossen werden. Durch die sensible Wiedererrichtung der Häuserzeile um die Kirchenapsis wird der historische Kern der Stadt wieder als solcher erkenn- und erlebbar – nicht nur für die Gäste, sondern auch für die Rathenower selbst. Es ist die städtische Fortsetzung des ungezählten ehrenamtlichen Engagements um den Wiederaufbau der St.-Marien-Andreas-Kirche. Im anonymisierten Investorenauswahlverfahren überzeugte die Konzeption der KWR die Fachjury wie die Stadtverordneten. Am 7. Dezember 2016 gaben sie der KWR den Zuschlag, diesen Bereich Rathenower Stadtgeschichte wiederzuerrichten.

Was ist das Besondere an der KWR-Planung und wie wird sie der Historie des Ortes gerecht? Das Magazin „PANTOScop“ befragte den KWR-Geschäftsführer Hartmut Fellenberg:

PANTOScop: Herr Fellenberg, warum hat sich die KWR an dieser Ausschreibung beteiligt?

Fellenberg: Schon im Bericht zum Innenstadt Forum (2007-2009) Rathenow 2020, welches das Ergebnis einer beispielgebenden Bürgerbeteiligung war, heißt es unter anderem zum Handlungsfeld Stadtgestalt: „Mängel der Stadt wie wenig historischer Stadtkern und monotone Wohnblöcke müssen ausgeglichen werden“. Fortgeführt wurde dies im Buch der Ideen, in dem ein verbessertes Wohnungsangebot in der Innenstadt zu den wichtigsten Maßnahmen gehört, weil wir eine so genannte Suburbanisierung, also eine Abwanderung städtischer Bevölkerung aus der Kernstadt und dies insbesondere bei jüngeren Menschen und Familien beobachten. Das heißt für uns: Innerstädtisches Wohnen muss für junge Haushalte und Familien wieder attraktiv werden. Dies zusammengenommen bietet Rathenows historische Mitte die Chance, ein kleines interessantes Quartier zum Wohnen zu entwickeln und das Zentrum städtebaulich aufzuwerten. Das zusätzlich geplante Gemeindezentrum gibt dem Ort weiteres Leben.

 PANTOScop: In welcher Weise wird die KWR auf die Historie des Ortes eingehen?

Fellenberg: Im Mittelpunkt der Planung steht die Bebauung um das historische Wahrzeichen der Stadt, die St.-Marien- Andreas-Kirche, herum, die einerseits die überlieferten Stadtgrundrisse durch Aufnahme der historischen Straßenräume abbildet, aber gleichzeitig die historisch über viele Jahre entstandene hohe Verdichtung der Bebauung um die Kirche zeitgemäß auflockert. So entstehen Sichtachsen zur Kirche, die diese nicht in den Hintergrund rücken lassen. Mit der Kleinteiligkeit der Bebauung wird der Kirchberg fußläufig neu erlebbar und lädt zum Schlendern ein. Letztlich wird die Attraktivität des ältesten Teils unserer Stadt durch diese neue Urbanität erhöht.

PANTOScop: Gibt es etwas worauf Sie in der Planung besonderen Wert gelegt haben?

Fellenberg: Ja, wir wollten kein „Schlafquartier“ entwickeln, sondern es als Lebensraum interessant machen. Dafür wurde Raum für ein Gemeindezentrum angeboten, um auch das Gemeindeleben hier konzentriert zu ermöglichen. Das Zentrum wurde als Solitärgebäude in die Mitte des Platzes gerückt, soll markanter Treffpunkt sein und verdient so auch eine entsprechende architektonische Sonderstellung. Des Weiteren muss das Quartier aus unserer Sichttrotz der Bebauung verkehrstechnisch ruhig bleiben. Deswegen konzipierten wir für die Stellplätze eine Tiefgaragenlösung. Diese ist zwar in der Umsetzung aufwendig, aber realisierbar. Ohne sie kann ich mir attraktives Wohnen und Leben am Kirchberg nicht vorstellen.